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03.05.2005  Zerbst, News:
Francisceumsbibliothek Zerbst: Von einst vier blieb nur noch ein wertvoller Globus im Bestand erhalten
300-jährige Himmelskugel wird restauriert
Dieser Erdglobus des Kartographen Gemma Frisius aus dem Jahr 1537 ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges verschollen und der Bibliothek derzeit nur noch als Foto erhalten. Foto: Francisceumsbibliothek
Dieser Erdglobus des Kartographen Gemma Frisius aus dem Jahr 1537 ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges verschollen und der Bibliothek derzeit nur noch als Foto erhalten. Foto: Francisceumsbibliothek

Vier wertvolle Globen gehörten einst zum Bestand der Zerbster Francisceumsbibliothek. Drei von ihnen sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschollen. Der einzig erhaltene kostbare Himmelsglobus von 1700 soll jetzt restauriert werden.

Zerbst. Gerhard Valck (1652-1726) begründete eine neue Ära der Globenproduktion, verhalf ihr besonders in Holland zu neuem Aufschwung. Frei von barocken dekorativen Elementen waren seine später in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Leonard hergestellten Globen, waren realistischer und aktueller als ihre Vorgänger, die etwa 100 Jahre das Weltbild mit bestimmten. Immer paarweise gab es diese Globen: als einen Himmels- und einen Erdglobus. Ein Valckscher Himmelsglobus ist der Francisceumsbibliothek erhalten geblieben.

„In der historischen Bibliothek gab es vier alte Globen“, erzählen die heutigen Bibliothekarinnen Iruta Völlger und Petra Volger. Alle vier waren Dauerleihgaben an das Zerbster Schlossmuseum, waren im Krieg gemeinsam mit anderen Exponaten ausgelagert. Drei Globen aus dem 16. Jahrhundert gingen verloren und dabei ein besonders wertvolles Stück, ein Erdglobus von Rainer Gemma Frisius aus dem Jahr 1537 – einer der ältesten Globen überhaupt. Nur Fotos belegen heute noch, dass dieser Globus einst zum Bibliotheksbestand gehörte. Und die Zerbster hoffen noch, ihn eines Tages wiederzufinden. Er zählt zur „Lost Art“, steht mit in der offiziellen Internet-Datenbank, mit der nach im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangenen Kunst- und Kulturgütern gesucht wird.

Ungewiss ist auch der Weg des Valckschen Globus ‘. „Er war vermutlich ebenfalls im Schloss, ist aber wohl gerettet worden und kam wieder hierher“, so Iruta Völlger und Petra Volger. Und sie sind glücklich, dass er jetzt restauriert werden kann.

Die Restaurierung des historischen, überaus wertvollen und teils unikaten Bibliotheksbestandes ist ein permanentes Anliegen. Lange hat die Francisceumsbibliothek dazu mit einer Leipziger Restaurationsfirma zusammengearbeitet. Als es vor etwa zwei Jahren wieder darum ging, Kostenvoranschläge für weitere Vorhaben einzuholen, folgten die Bibliothekarinnen einer Empfehlung von Torsten Huß, Vorsitzender des Fördervereins Francisceum, und wandten sich auch nach Halberstadt. Dort hat „in albis“ ihren Sitz und die Firma widmet sich, anders als die auf Bücher spezialisierten Leipziger, auch der Globen-Restaurierung. So galt die besondere Aufmerksamkeit von Restauratorin Cornelia Hanke bei einem Vor-Ort-Besuch in Zerbst auch der Valckschen Kugel. Der Globus war zur Eröffnung des Zerbster Ausstellungsteiles zu „Gemeinsam sind wir Anhalt“ im Museum zu sehen, stand dann längere Zeit dem Dessauer Museum für Stadtgeschichte als Dauerleihgabe zur Verfügung, bevor er in die Bibliothek zurückkehrte. Hier konnte er zuletzt zu den jüngsten Francisceumsfesttagen bestaunt werden.

Seit wenigen Tagen befindet sich der mehr als 300 Jahre alte Himmelsglobus in der Halberstädter Werkstatt. Wie auch eine handgefertigte Sternenkarte aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die Cornelia Hanke begeistert hat und die sie gleich mitmacht.

Der Globus-Restaurierung geht eine intensive Beschäftigung mit dem Objekt voraus. Restauratorin und Bibliothekarinnen haben sich dazu auch an Jan Mokre, Experte in Sachen Globen an der Österreichischen Nationalbibliothek, gewandt. Er empfiehlt eine Restaurierung, um einen weiteren Substanzverlust „dieses historisch bedeutsamen und auch wertvollen Globus ‘“ vorzubeugen. Der Umfang der Restaurierung, so der Experte, sei auch abhängig von der geplanten künftigen Präsentation des Globus.

„Den Erhaltungszustand festschreiben und leicht verbessern“, das nennen Iruta Völlger und Petra Volger als Ziele für die Arbeiten an „ihrem“ Globus. Auch ein Holzgestell soll er wieder bekommen. Die Ergänzung von Fehlstellen im Himmelsbild halten sie nicht für sinnvoll, folgen da auch den Ansichten des Wiener Experten.

Dass die Restaurierung des wertvollen Zerbster Globus ‘ möglich wird, ist zum einen dank der Halberstädter Werkstatt realisierbar. Möglich wäre sie jedoch nicht ohne die finanzielle Sicherung. Die ist besonders der Sparkassenstiftung Anhalt-Zerbst zu verdanken. Großzügige 6000 Euro hat sie zur Verfügung gestellt und damit fast die ingesamt benötigte Summe. Den verbleibenden Teil trägt der Förderverein Francisceum.

„Beim Förderverein haben wir immer offene Ohren und große Unterstützung“, freuen sich die Bibliothekarinnen. Gemeinsam haben sie schon das nächste Vorhaben im Blick, bereits Fördermittel beantragt. Die Mikroverfilmung der bibliophilen Kostbarkeiten aus dem Bibliotheksbestand soll fortgesetzt werden. Für eine Reihe der Inkunabeln und alten Handschriften konnte das bereits geschehen. Jetzt soll der Schwerpunkt bei den aus dem 16. bis 18. Jahrhundert stammenden Leichenpredigten liegen. Auch hierbei befinden sich viele Unikate in der Bibliothek. Zugleich sind sie bei den Nutzern viel gefragt.

Deshalb entstehen nicht nur Sicherheits-, sondern auch Arbeitskopien für die Leser, um die Originale zu schützen.

Die Mikrofilme zählen zugleich auch zum „Sicherheitsprogramm“ rund um die kulturhistorisch wertvollen Bestände. Spätestens seit dem Brand in der Weimarer Anna Amalia-Bibliothek ist das ein besonders sensibles Thema. Iruta Völlger und Petra Volger können ein umfangreiches Paket an Vorsorge- und Notfallmaßnahmen aufzählen, die die Francisceumsbibliothek gut schützen. Auch mit scheinbar selbstverständlichen Dingen, die eigentlich in Weimar ebenfalls zu erwarten gewesen wären. „Bei uns liegt kein Buch auf dem Dachboden“, ist nur ein Beispiel. Die Mikrofilme sind ein anderes.

58 140 Werke bilden gegenwärtig den Gesamtbestand der historischen wie der neuen Francisceumsbibliothek. Gerade letztere ist in den vergangenen Jahren durch das Engagement der jüngsten Dr. Franz Münnich-Preisträgerin Prof. Hildburg Bethke gewachsen. Im vergangenen Jahr zählte die Bibliothek 3450 Besucher. Es gab 11 758 Entleihungen bzw. Benutzungen (mehrheitlich werden die Bestände nicht ausgeliehen), 149 Führungen und in 176 Fällen gaben die Bibliothekarinnen Fachauskünfte, recherchierten im Nutzerauftrag.

Von Antje Rohm   (VS)

 
 
 
 
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