Eine Buchprämie weckt Erinnerungen
Ida Koch geb. Möhring, Berlin, erstes Mädchen am Francisceum

Mein Bücherschrank birgt noch immer eine Anzahl von Kleinodien aus älteren Buchausgaben, die es wert sind, mal wieder gelesen zu werden. Dazu gehört auch die beeindruckende Biographie der Naturforscherin Amalie Dietrich (+1891). Noch vor der Titelseite ist in kunstvoller Schrift eingetragen: "Weihnachtsprämie für die Untersekundanerin Ida Möhring Francisceum Zerbst 22. Dezember 1927". Eben mit dieser Eintragung verbindet sich wieder ein Bündel von Erinnerungen, die ich hiermit weitergeben möchte. Diese Ausgabe aus dem Jahre 1925 hat mich besonders gefesselt und auch ein klein wenig bestimmt, später das Studium der Naturwissenschaften zu beginnen.

In den Jahren meiner Schulzeit im Francisceum (1923/1931) war es üblich, zu Weihnachten Buch- oder andere Prämien an eine Schülerauswahl zu verteilen: nicht ausschließlich wegen der Begabung, sondern Fleiß und Stetigkeit sollten damit gefördert und belobigt werden. Besonders vergnüglich war die Überreichung für die, die einen nagelneuen Fotoapparat geschenkt bekamen. Dazu wurde uns gesagt, dass diese Gaben nicht nur aus einer Stiftung, sondern auch von ehemaligen Schülern geschenkt wurden, die damit die Anhänglichkeit an die Schule dankbar bekunden wollten.

Bild (125 Jahre Francisceum - 1928) (101KB)

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Dass diese ehemaligen Schüler auch ihre alljährlichen Zusammenkünfte in unserer schönen mittelalterlichen Stadt veranstalteten, davon wäre ebenfalls zu berichten. In den höheren Klassen (Untersekunda bis Oberprima) wurde uns erlaubt und sogar empfohlen, daran teilzunehmen. Meine Gedanken gehen besonders zurück zur 125-Jahr-Feier des Gymnasiums 1928. Die Zahl der Mädchen - über die 9 Klassen verteilt - war in dieser Zeit schon beträchtlich angewachsen, so dass mit Schwung und Begeisterung etliche Volkstänze eingeübt und vorgeführt werden konnten. Leiten und vorbereiten musste diese Tänze der eben gerade angestellte junge Studienassessor Dr. Nauck. Wahrscheinlich wegen meiner kleinen Gestalt und der langen Zöpfe ordnete er mich bei den Tertianerinnen ein und duzte mich ebenso wie diese. Zu unserem Gaudium entschuldigte er sich verlegen bei mir, als er erfuhr, dass ich bereits Unterprimanerin war (unser Deutschlehrer wurde er erst in der Oberprima). Hell erklangen unsere Stimmen im Schulchor während des Festgottesdienstes in der Trinitatiskirche: "Integer vite scelerisque purus...". Seit alten Zeiten war nämlich das Direktorenamt des Francisceums mit dem Kirchengemeindevorstand von St. Trinitatis verbunden (nicht St. Batholomäi)!

Die Treffen der Ehemaligen begannen damals jeweils mit dem "Kommersabend" am Freitag (Kommers = studentisches Treffen) in einem unserer Hotels "Rephun" oder "Goldener Löwe". Der "Ball" folgte am Sonnabend, die Tanzerei war für uns "junges Gemüse" natürlich die Hauptsache. Übrigens: den Studentensong "Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus" hörte ich zu den Kommersabenden zum ersten Mal; solche Lateintexte aus voller Kehle gesungen sind mehr und mehr aus der Mode gekommen!

Der Frühschoppen am Sonntagvormittag interessierte uns weniger, aber um die Ecke haben wir diesem Treiben schon mal zugesehen. Als "Ehemalige" habe ich noch zwei Mal in der Vorkriegszeit am Treffen teilgenommen; das letzte Mal als Jungverheiratete 1937. An diesem Abend saß ich zufällig am Tisch mit Archivrat Reinhold Specht zusammen, der mich zwar freudig als ehemalige Schülerin begrüßte, aber in seinem umwerfenden Zerbster Dialekt meinem Mann den Herrn Sandkuhl (Seifenfabrik) als "Sefen-Arthur" vorstellte!

Wie ich später von ehemaligen Klassenkameraden erfuhr, fand wohl auch zum 150. Jubiläum des Gymnasiums ein kleineres Treffen statt (1953). Aber später, zur Zeit der DDR, war das Gymnasium passé und die Erinnerung daran nicht erwünscht. Das bedeutete im Wechsel der damals politisch-gesellschaftlichen unglücklichen Zeit das endgültige "Aus" der Zusammenkünfte der Francisceer in Zerbst.

Auf andere Art gestaltete sich der Neubeginn der Treffen in der Kölling - Friesenhausen - May - Ära. Die alte Heimat mit dem Francisceum war uns verwehrt und überhaupt nur mit Schwierigkeit zu besuchen. Für die Vereinigung ehemaliger Francisceer war auch zu dieser Zeit noch nie ein Vereinsstatut gefasst worden. Soweit die in Deutschland und auch in der weiten Welt Verstreuten erreicht werden konnten, wurden Einladungen verschickt. Und siehe da: von etwa 1961 an fanden sich in verschiedenen, meist lukrativen Stätten der Bundesrepublik mehr und mehr Getreue aus der ehemaligen

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"Penne" zum fröhlichen Wiedersehen zusammen. Meines Wissens sind 32 zusammenfassende Berichte von solchen Treffen vorhanden, die von den denkwürdigen Versammlungen ausführlich Kenntnis geben. Mich selbst spürte Ilse Buken geb. Reinstädtler auf, nachdem mein Mann und ich ab 1976 unseren Alterssitz in Berlin in der Nähe des ältesten Sohnes einnahmen. Von Treffen zu Treffen wurden die Versammlungen zahlreicher und attraktiver; auch erklärte ich mich einige Male bereit, das Schreiben eines Berichtes zu übernehmen. In den letzten Jahren vor der überraschenden Wende kamen manche Rentner aus der Heimat hinzu und wurden in die Wiedersehens-Fröhlichkeit mit Herzlichkeit hineingenommen. In Lüneburg fand das letzte Treffen dieser Art statt, das 32. "der Kehraus". Nun aber, nach Wiederbenennung der Schule als Francisceum, können wir uns in den wenigen noch erhaltenen Ur-Mauern von Zerbst und in den Räumen des mittelalterlich-ehrwürdigen Klosters wieder alljährlich zusammenfinden. Manchen unserer Schulveteranen hat die lose Versammlung der vergangenen Zeiten mehr zugesagt, aber dennoch hat die festere Bindung eines Vereins seine guten Seiten - auch in Hinblick auf das Wohl der Schule. Der "Förderverein Francisceum e. V." feiert nun schon sein 10-jähriges Bestehen. Wir hoffen, dass die Jüngeren und heute ganz Jungen in diese Vereinigung hineinwachsen werden und ebenso wie wir Alten und Uralten ihre Anhänglichkeit und Treue zum Francisceum bekunden und bewahren werden.

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