10 Jahre Förderverein Francisceum e. V. Zerbst
Prof. Dr. Hildburg Bethke, Wuppertal, Vorstandsmitglied

In der Schulzeitung des Jahres 2000 hat der 1. Vorsitzende des "Förderverein Francisceum e. V. Zerbst", Herr Dr. Walter Schnelle dargestellt, wie es zur Gründung des Fördervereins im Jahre 1990 kam. Wir möchten seinen Beitrag als "authentische Quelle" auch hier abdrucken. Denn Herr Dr. Schnelle war Lehrer am Francisceum und gehörte zu den 15 Gründungsmitgliedern, als der Verein am 13. März 1991 in das Vereinsregister eingetragen wurde. Seit dem 28. April hat der Förderverein eine neue Satzung. In dieser sind die Aufgaben des Fördervereins wie folgt beschrieben:

- die Restaurierung und Erhaltung der Gebäude und Anlagen des Francisceums als Denkmal mittelalterlicher Kultur und der Bildungsbestrebungen der Aufklärung,

- Hilfe und Unterstützung von Schülern und Jugendlichen, sowie Hilfe bei der Ausgestaltung schulischer und vereinsmäßiger Veranstaltungen,

- Anschaffung von Geräten und sonstigem Schulbedarf.

Denkt man an die 15 Gründungsmitglieder von 1990, so ist das, was der Verein seither geleistet hat, durchaus respektabel. Andererseits muss man auch sehen, wie gering gerade im baulichen Bereich die Beiträge des Fördervereins bleiben mussten. Viel, sehr viel Geld haben in der gleichen Zeit Stadt und Kreis Zerbst investiert: alle Dächer wurden neu gedeckt, die Aula und der Alumnatskorridor von Grund auf restauriert und endlich moderne sanitäre Anlagen geschaffen. Nach dem Abriss alter "Ärgernisse" haben ABM-Kräfte die Gartenanlagen rund um die Schule wieder hergestellt bzw. neu angelegt. Ihnen verdanken wir auch, dass es am Weinberg 1 heute tatsächlich wieder einen echten Weinberg gibt! Auch die Anlagen um den Teich im Durchgang vom Nord- zum Südhof und der "Klostergarten" vor dem alten Wirtschaftsgebäude sind eine wahre Augenweide und werden sicherlich auch von den Schülern als eine angenehme Variante des sonst so tristen Themas "Schulhof" gewürdigt. So dürfen wir nach 10 Jahren dankbar feststellen, dass das Francisceum wieder ein denkmalpflegerisches Schmuckstück und ein wichtiges kulturelles Zentrum im noch immer von den erlittenen Kriegszerstörungen gezeichneten Zerbst geworden ist.

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2 Wünsche sind noch offen: die Sanierung des alten Rektorenhauses, des eigentlichen Zentrums des Gymnasium illustre (die wir als Verein nicht leisten können) und die Ausstattung der Aula mit neuen Sitzmöbeln (eine Aufgabe, an die wir uns noch nicht herangetraut haben).

Vom 2. in der Satzung genannten Aufgabenbereich wird der Förderverein seit Mitte 1998 durch die Francisceumsstiftung entlastet. Sie wurde als Nachfolgerin der alten, zu DDR-Zeiten zwangsweise aufgelösten, "von Hanffstengelstiftung" gegründet und übernimmt nach Absprache die Unterstützung von einzelnen Schülern und von schulischen Aktivitäten. Bei größeren Vorhaben und Anschaffungen für die unterrichtliche Arbeit wird der Förderverein aber auch in Zukunft einen Beitrag leisten.

Ein Schwerpunkt der Arbeit des Fördervereins in den nächsten Jahren wird aber nach wie vor die Unterstützung der Bibliothek sein. Dies ist um so notwendiger, als angesichts der allgemeinen Sparmassnahmen kaum noch auf Mittel für Buchrestaurierungen und für Neuanschaffungen zu rechnen sein wird. Schon in den vergangenen Jahren sind zahlreiche Bücher, Lexika und Zeitschriftenjahrgänge von privaten Spendern aus dem Förderverein an die Bibliothek gelangt. Hier ist auch weiterhin die Gelegenheit gegeben, mit einzelnen wissenschaftlichen Werken oder ggf. Nachlässen die Arbeit der Schule grundlegend zu unterstützen. Der Förderverein plant seinerseits jährlich 1500 DM für Neuanschaffungen zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus werden auch wieder dringend Spenden für die Erhaltung von wertvollen alten Büchern benötigt.

Für das Jahr 2001 ist bereits die Restaurierung eines Bandes aus der Frühzeit des Buchdrucks vorgesehen. Er trägt den Titel "Collecta...", d. h. Sammelband, und umfasst 5 Einzelschriften aus den Jahren 1516 bis 1521, darunter 4 Titel des großen Humanisten Erasmus von Rotterdam.

Vielleicht ist es ganz interessant, sich an Hand des Kostenvoranschlages einmal die verschiedenen Schritte einer solchen Restaurierung zu verdeutlichen:

-Abnehmen des Einbandes

-Zerlegen des Buchblocks

-Glätten der Brüche und Schließen der Risse

-Nassbehandlung des Papiers: Reinigung, Neutralisierung, Pufferung, Leimung

-Fehlstellenergänzung durch Anfasern

-Erneuern der Heftung

-Rekonstruktion des Einbandes und Aufarbeitung der Schlissen.

Dies alles erfordert viel Sorgfalt und umfassende Kenntnisse im Hinblick auf die neusten und schonendsten Restaurierungsverfahren. Der Preis dafür ist (einschließlich Mehrwertsteuer) auf ca. 3300 DM veranschlagt. Das es sich lohnt, diesen vergleichsweise hohen Betrag zu investieren, ergibt sich nicht nur daraus, dass es sich um 5 sehr frühe Drucke aus den bedeutendsten Druckzentren der damaligen Zeit

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handelt: Straßburg, Leipzig und Basel. Gerade für Zerbst in seiner Nähe zu den Reformatoren Luther und Melanchthon spielen Werke von Erasmus eine besondere Rolle, war doch auch der um fast 2 Jahrzehnte ältere Erasmus ( 1466 oder 1469 bis 1536) Martin Luther (1483 - 1546) in seiner Kritik an der Kirche und insbesondere auch des Ablasshandels sehr nahe. Beide begannen ihre theologische Laufbahn im Kloster, beide taten sich aber auch schwer mit den Gelübden, die sie als junge Mönche abgelegt hatten. Erasmus verließ das Kloster sehr bald und nutzte seine Freiheit als "Weltpriester" zu umfangreichen humanistischen Studien. 1517 wurde er von seinen Klostergelübden offiziell entbunden; auch Luther verließ das Kloster und heiratete die ehemalige Nonne Katharina von Bora. Zu den wichtigsten Werken des Erasmus gehörten seine möglichst quellengetreue Neuausgabe des griechischen Neuen Testaments und die 1516 vollendete Neufassung der Übersetzung ins Lateinische; Luther übersetzte das Neue Testament - orientiert an den textkritischen neuen Editionen - ins Deutsche. Zurück zu den originalen "Quellen" der Heiligen Schrift wollten sie beide, und sie suchten und lebten einen Glauben, der sich nicht an Institutionen und kirchlichen Dogmen orientierte, sondern an der "viva vox Evangelii", einem Evangelium, das ganz direkt den ganz persönlichen Glauben bestimmte. Aber es gab auch Differenzen zwischen ihnen: Der weitgereiste Humanist, der an den berühmten niederländischen und italienischen Universitäten studiert und in Paris promoviert hatte, der in London den Lordkanzler Heinrichs des VIII., Thomas Morus, zum Freund hatte, sah die Welt anders als der aus bäuerlich-kleinbürgerlichem Milieu herkommende Martin Luther. Man braucht nur das vornehme Porträt des alten Erasmus anzusehen, das Hans Hohlbein malte und das bis heute in Basel einer der Wirkungsstätten des Erasmus hängt: Golden wie der Rahmen strahlt das edle Gesicht, umrahmt von dem obligaten schwarzen Barett und dem mit breiten kostbarem Pelzaufschlägen verbrämten Gelehrtenmantel. So vornehm hat er sich auch aus den "Händeln der Welt" herausgehalten, in die sich Luther mit nicht immer fein zu nennender Wortwahl manches Mal zu unbedenklich stürzte, was ja auch seinen Humanisten-Freund Melanchthon immer wieder in Verlegenheit brachte. Der Humanist Erasmus bestand auf dem "freien Willen" des Menschen ("libero arbitrio") gegenüber Luthers so starker Betonung der "freien Gnade Gottes", das für diesen nur ein "unfreier Wille" der Menschen ("servo arbitrio") in Frage kommen konnte. Andererseits hat sich Erasmus, der - vor allem in Italien - immer wieder am eigenen Leibe Kriege erlebt hatte und der sich keinem "Landesherren" verpflichtet sah, sehr prononciert gegen Krieg und für den Frieden ausgesprochen. Viele Passagen seiner Argumentation klingen so modern, als wären sie heute geschrieben, z. B. diese: "Einst trennte der Rhein den Franzosen von den Deutschen, aber der Rhein trennt nicht Christen von Christen. Die Pyrenäen trennen die Spanier von den Franzosen, aber sie heben nicht die Gemeinschaft der Kirche auf. Das Meer trennt die Engländer von den Franzosen, aber es hebt nicht die Gemeinschaft der Religion auf. Der Apostel Paulus zürnte, als er unter den Christen folgende Aussprüche hörte: Ich halte zu Apollo, ich zu Petrus, ich zu Paulus, und er lässt nicht zu, dass diese gottlosen Beinamen Christus zerreißen, der alles verbindet. Wir aber sind der Meinung, dass das Wort Vaterland ein gewichtiger Grund sei, dass ein Volk ein anderes zu vernichten trachtet!" Oder: "Du verlangst leidenschaftlich den Krieg? Betrachte erst einmal, was Friede ist und was der Krieg, was der Friede an

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Gutem und was der Krieg an Unheil bringt, und dann berechne, ob es von Nutzen sei, den Frieden mit dem Krieg zu vertauschen. Wenn etwas bewundernswert ist, dann ein Land, in dem alles gedeiht, mit wohlgegründeten Städten, gut bestellten Feldern, mit sehr guten Gesetzen, mit angesehenen Wissenschaften, mit Anstand und geheiligtem Brauch; überlege: das Glück muss ich zerstören, wenn ich Krieg führe!"

Diese Zitate stammen aus dem Werk des Erasmus "Querela pacis undique gentium ejectae profligataeque" - "Die Klage des Friedens, der von allen Völkern verstoßen und vernichtet wurde". Die erstmals 1516 in Basel gedruckte Schrift war eine Auftragsarbeit und sollte der Vorbereitung eines 1517 in Cambrai geplanten Friedenskongresses dienen. Die "Querela Pacis" wurde 1518 auch in Löwen, Krakau, Leipzig und Venedig, 1519 in Florenz, 1523 in Straßburg, 1525 in Paris, 1529 in Leiden lateinisch gedruckt. Außerdem erschienen noch zahlreiche Übersetzungen in moderne Sprachen. Auflagen von 20 000 Exemplaren waren dabei durchaus keine Seltenheit. Erasmus zählt zu den ersten großen Wissenschaftlern, die von der neuen Technik des Drucks mit beweglichen Lettern zur Verbreitung ihrer Schriften profitierten. Auch dazu ein Zitat: "Seinen Einzug hielt das gedruckte Buch in Europa während der Jugendjahre des Erasmus. Um 1450 wurde die Kunst Bücher zu drucken, in Deutschland entwickelt." (Gutenberg) In der Zeit zwischen 1450 und 1500 (die als Zeit der "Wiegendrucke" oder "Inkunabeln" bezeichnet wird) wurden schätzungsweise 20 Millionen Exemplare von insgesamt 30 000 bis 35 000 verschiedenen Buchausgaben und Flugschriften gedruckt! Damals hatte das europäische Verbreitungsgebiet weniger als 100 Millionen Einwohner, von denen die meisten noch Analphabeten waren! Hauptwerk unter den Erasmusschriften der Franscisceumsbibliothek sind die "Adagia" ("Sprichwörter") in einer Version, die 1518 in Leipzig gedruckt wurde. Die erste Fassung war bereits 1498 erschienen, sie wurde aber danach immer wieder vermehrt und an den verschiedensten Orten neu gedruckt. Es handelt sich bei den "Adagia" um Sentenzen und kurze Abhandlungen, die "Lesefrüchte" bzw. Ertrag der humanistischen Studien des Erasmus waren.

Aber auch große Gelehrte haben ihre ganz menschlichen Seiten - so auch Erasmus. Liest man seinen Briefwechsel mit den Huhnamiestenfreunden, so ist darin auch manche Passage zu finden, die man eher unter "Weibertratsch" verbuchen würde. So schreibt der große Erasmus an einen Freund, ob er schon gehört habe, dass Luther das Kloster verlassen und dass er jetzt sogar geheiratete habe; dann der kleine Nachsatz, dass er wohl habe heiraten "müssen", denn es sei schon Nachwuchs "unterwegs"... Im nächsten Brief dann - etwas betreten! - das Dementi: Heirat ja, Nachwuchs aber nicht... Dazu muss man wissen, dass Erasmus selbst ein uneheliches Kind war. Sein Vater ein Priester. So etwas war zu jener Zeit durchaus kein Einzelfall, aber seine Herkunft muss Erasmus sein Leben lang schwer belastet haben. auch hier hat er alles daran gesetzt, um offiziell vom Makel des "Hurenkindes" befreit zu werden! Das ist das Interessante an unserer alten historischen Bibliothek: das sie immer wieder lebendige Geschichte und Geschichten erzählt!

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