Spät erwachter Trieb zum Klassentreffen
Dr. Jochen Greven, Gaienhofen

Was soll man da festhalten, was kann man mitteilen? Lisa Partheils Telefonbitte um diesen Beitrag lies mich natürlich abwehren: Ich kenne doch viele gar nicht, die später zu dem Jahrgang gehörten, bin doch gerade nur bis Herbst 1945 in Zerbst gewesen, und selbst die, mit denen zusammen ich da vorher die alten Schulbänke gedrückt hatte, kennen mich inzwischen kaum noch. Es ist alles unendlich lange her, man hat so viel

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erlebt seit dem, und wenn man wie ich nicht einmal familiäre Wurzeln in Zerbst besaß...

Aber Lisa war zäh, und bitte, wenn Ihr's lesen wollt:

Zum zweitenmal bin ich zum Francisceer-Treffen angereist, ziemlich weit aus dem Südwesten des Landes her. Das erstemal, vor fünf Jahren, kam es mir noch als Abenteuer vor, eine sentimentale persönliche Spurensuche, gemischt mit der Neugier, was aus den anderen geworden ist, was für einen Stiel so etwas jetzt dort hat, wie die Stimmung ist, was für Gespräche sich dort ergeben. Diesmal dagegen war's schon eine Wiederkehr ins von Neuem vertraut Gewordene, mit der angenehmen Zuversicht, dass es alles in allem wieder sympathisch, heiter und interessant werden würde. Das Städtchen, in dem ich als Kind immerhin vom 6. bis zum 13. Lebensjahr so zu Hause war, dass es für mich den Mittelpunkt der Welt bedeutete - die Schule mit ihrer anrührenden Romantik, mit ihrer ererbten, gepflegten und stolz betonten Würde - die ehrgeizige Festveranstaltung mit ihrem alljährlichen Ritual der Reden und Gesänge: Der altgewordene Besucher lächelt über manches, aber er hat gelernt gerade auch das provinzielle daran zu lieben, ja zu achten. Es ist überschaubar, hat menschliche Dimensionen. Und die anderen begehen bereits ihr 50jähriges Abiturjubiläum (um 2 Jahr haben sie damit den, der damals "weg machte", überholt). Ulla hält eine treffliche Rede, Anstecker werden verteilt, Gruppenfotos aufgenommen. Einige kenne ich noch oder kenne sie zumindest nun schon wieder, den Jürgen Beyer oder den Wolfgang Pannicke zum Beispiel. Jochen Putzmann ist da, der zwar der Klasse noch kürzer angehört hatte als ich, mit dem ich aber seither befreundet blieb, auch über weite Distanzen hinweg. Andere erinnerte Namen fallen, wecken verschwommene Bilder von Mädchen mit Zöpfen und kurzbehosten Knaben. Viele sind nicht anwesend - schade, ich hätte sie gerne noch einmal wiedergesehen. Aber wenigstens "Pickel Gänsicke" ist diesmal da, neben dem ich damals das erste Jahr in der Bank saß, und es imponiert mir, was er so erzählt.

Am Nachmittag im großen Saal von Rephuns Garten - wer hat denn all diese fabelhaften Kuchen gebacken, und wer dürfte die immensen Reste vertilgen, die übrig blieben? - läuft eine "Bierzeitung" um, werden Anekdoten hervorgekramt. Meist sagen sie mir nicht viel, weil ich längst nicht mehr dabei gewesen war, weil die darin Auftretenden mir so fremd sind wie die äußeren Umstände. Trotzdem, es macht Spaß zuzuhören, das Leben hier, das auch meines hätte sein können, gewinnt Konturen.

Abends dann im "Kamin" in der Käsperstrasse die Fortsetzung im kleineren Kreis. (Übrigens, die Zerbster Gastronomie verdient ein Extralob.) Gute Laune allenthalben, niemand gibt an oder nimmt sich zu ernst; nun ja, der große Berg liegt hinter uns, auch wenn man noch dies und jenes treibt oder noch ein paar Sorgen hat. Die Klischees von Klage-Ossis und Besser-Wessis sind, wie es scheint längst Vergangenheit. Verblüffend einfach läuft die Unterhaltung und versteht man sich. Ihr kennt Euch viel besser, die Ihr länger in Zerbst zusammen geblieben seid, aber es ist nett, wie Ihr auch einen Nomaden wie mich in die Runde aufnehmt.

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Vermutlich komme ich mal wieder, ich danke Euch einstweilen, und grüßt mir auch das Francisceum, das uns damals und jetzt wieder zusammengebracht hat. Ich habe, fällt mir auf, wesentlich freundlichere Erinnerungen daran als an mein späteres Gymnasium in Köln. Und solche treuen Geister wie die Lisa und wie den Kurt Leetz, die gibt es auch nicht überall.

 

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