Gedanken zum Francisceertreffen
Anneliese Funke geb. Dziubek, Berlin

Gern komme ich der Aufforderung nach ein paar Gedanken zum Francisceertreffen des Jahres 2000 aufzuschreiben. Wir waren diesmal nur wenige aus unserem Jahrgang, dennoch war es wieder ein Tag der wunderbaren Begegnungen: mit unserer alten Schule, mit Menschen, mit denen wir vor Jahrzehnten ein entscheidendes Stück Weg gemeinsam gingen. Viele Erinnerungen kommen hoch, wobei die heiteren überwiegen, und dies ganz besonders beim traditionellen Rundgang durch die Schule. Aber zunächst zur Feierstunde in der Aula. Wie immer war es sehr festlich, mit viel Reden und viel Musik. Es ist schon ein Genuss, in dieser schönen Aula zu sitzen, während durch die Fenster die Sonne von einem wunderbaren Frühlingstag kündet, von den Wänden die Schuldirektoren der vergangenen Jahrhunderte herabschauen, die uns aus unserer Schulzeit noch so vertraut sind und die gottseidank nach jahrelanger Verbannung zurückkehren konnten. Dazu die Fürstenbilder, die wir nicht kannten. Das alles kann man genießen während die Reden gehalten werden. Interessant wie immer die Informationen, die Herr Dr. Schmaling gibt. Welches Glück für das Francisceum, dass es einen Direktor hat, der sich so mit seiner Schule verbunden fühlt. Von allen anderen Rednern ist mir nur Frau Bock in Erinnerung geblieben. Sie war auserkoren, zur Ehrung des Abiturjahrgangs 1950 zu sprechen. Für mich war es die beste Rede des Tages. Sie fand sehr einprägsame bewegende Worte.

Nach der Feststunde machten wir unsere Runde durch das Schulgebäude. Unerlässlich ist dabei immer wieder der Besuch der alten Bibliothek. Für mich persönlich eine ganz

37

besondere Erinnerung an all die Montagnachmittage, die wir (das waren mit mir Hartmut Wittkowski, Günter Münzner... War es noch jemand? Ich weiß es nicht mehr.) mit unserem Lehrer Herrn Kühnert hier verbrachten. Wir sollten beim Katalogisieren der Bestände des 19. Jahrhunderts helfen. Jeder saß in einer Ecke - und wir lasen uns fest. Ob wir tatsächlich etwas Nützliches zustande brachten, kann ich nicht mehr sagen. Aber hier wurde der Keim gelegt für der Liebe zu alten Büchern. Jahre später wurde mir klar, dass es unserem Lehrer gar nicht vorrangig um unsere Arbeitsleistung ging. Er wollte uns Anregungen geben, die Liebe zum Buch vertiefen. Noch ein anderes Beispiel dieser Art mit Herrn Kühnert. Wir trafen uns mit ihm in regelmäßigen Abständen am Nachmittag in den Räumen des Kulturbundes (wir waren Mitglied geworden - wenn ich mich recht erinnere - 10 Pfennig Beitrag pro Monat) im Rephuns Garten, um Literatur zu lesen, die im Unterricht nicht behandelt wurde. So lasen wir gemeinsam Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür", Hermann Hesses "Unterm Rad" u. a.. Auch diese Nachmittage hinterließen ihre Spuren in uns. Ich hatte das Glück, vor einigen Jahren anlässlich eines Francisceertreffens Herrn Kühnert zu danken für diese Anregungen, die meinen Lebensweg mit bestimmt haben. Er fragte mich: "Wirklich? War das so?" Das war unsere letzte Begegnung. Bald darauf starb er.

Nach dem Rundgang (Schulmuseum und Garten mit Weinberg unabdingbar!) aßen wir gemeinsam zum Mittag. Da war viel Gelegenheit für Gespräche. Wir hatten uns alle in den vergangenen Jahren schon ein- und mehrmals gesehen. Wir konnten einfach anknüpfen und erzählen, wie es uns inzwischen ergangen war, an der Schwelle zum 60. (!) und im Übergang vom Berufsleben ins Rentnerdasein. So sind diese Begegnungen nicht allein Erinnerung, sondern auch Gegenwart und vielleicht auch noch ein Stück gemeinsame Zukunft. Verabredungen wurden getroffen, in Berlin und anderswo. Das Bedürfnis, einander nicht mehr aus den Augen zu verlieren, erfüllte uns alle. Vielleicht gelingt es uns, diese Freude auch denen aus unserer Klasse zu vermitteln, die bisher nicht an den Ort der gemeinsamen Schuljahre zurückkehrten, so dass wir uns vielleicht einmal in größerer Runde wiedersehen. Dann werden wir gewiss noch einmal mit dem größten Vergnügen den Film über unser Schulfest 1956 ansehen.

top       zum Inhalt      weiter