Francisceum - ein Leben lang
Rudolf Schmidt, ehemaliger Lehrer am Francisceum, Vorsitzender des Fördervereins

Das 10jährige Jubiläum unseres Fördervereins veranlasst mich zu einer kurzen Rückschau auf mein Leben mit dem Francisceum.

16. April 1945 - es war meine 1. Begegnung mit dem Francisceum. Meine Eltern flüchteten mit mir aus dem brennenden Zerbst über den Nordhof des Francisceums durch die kleine Pforte in der Stadtmauer. Einige Wochen später fanden wir für wenige Tage eine notdürftige Unterkunft in einem kleinen Zimmer beim Hausmeister des Francisceums.

5 Jahre später, am 1. September 1950 wurde ich Schüler der Oberschule Zerbst, dem früheren Francisceum. 30 Schüler der 9 B warteten im Raum 17 gespannt auf ihre neuen Lehrer. Dann kam mit Schwung und sehr elanvoll Herr Dr. Lenz herein, sehr viel zurückhaltender stellte sich Herr Studienrat Bosse bei uns vor, fast ängstlich lernten wir unseren Chemiker Dr. Kersten kennen. Aus dieser Reihe der älteren Herrn ragte Herr Prof. Richter heraus. Er vermittelte eine Mathematik für "Nicht-Mathematiker" und hat durch seine Art mit den Schülern umzugehen, uns alle geprägt. In den nächsten Jahren unterrichteten uns auch die Lehrer Studienrat Rohlfs, Maenicke, Seidler, Schnelle, Klatt und natürlich auch der Direktor Herr Gröseling. Als Leiter der

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Arbeitsgemeinschaft "Griechische Geschichte" lernten wir auch noch den früheren ehemaligen langjährigen Direktor des Francisceums Herrn Dr. Münnich kennen.

Viel zu schnell vergingen die Jahre bis zu den Abiturprüfungen. Wir haben aber nicht nur gepaukt, wir haben an unserer Schule uns selbst eine Reihe von sportlichen und kulturellen Veranstaltungen geschaffen: Fußball- und Volleyballturniere auf dem Südhof, Tischtennis in der Aula, Radtouren durch das Kreisgebiet, Wanderungen durch den Thüringer Wald, Auftritte mit dem Chor oder dem Fanfarenzug. Mir fallen auch noch die schönen Weihnachtsfeiern im Volkspark ein. Als Schüler der 12. Klasse spielte ich auch einmal den Weihnachtsmann und durfte einige "nette Gaben" an unsere Lehrer verteilen.

Dann waren alle Prüfungen geschafft. Im heutigen Musikraum, damals Klassenraum unserer Klasse, wurden uns unsere Prüfungsergebnisse verkündet und danach wurde gebührend gefeiert! In der Nacht wurde dann einer damaligen Tradition folgend die Schule von uns vollständig "verbaut". Der Hausmeister, Herr Braune, hatte am anderen Morgen bis gegen 11 Uhr Schwerstarbeit zu leisten, um die Schule wieder für den Unterrichtsablauf zu öffnen. Durch ein Verbot des nachfolgenden Schulleiters brach diese Tradition später ab. Nun noch zum Abiturball im Volkspark: vom Kristallpalast in Dessau hatten wir die Kapelle engagiert; 10 Musiker und eine Sängerin für 500 M! Danach war die schöne Schulzeit vorbei. Wir liefen in vielen Richtungen auseinander und es sollten 40 Jahre bis zu einem Wiedersehen vergehen.

Der Mathematikunterricht bei Herrn Richter hat mich zum Pädagogikstudium in den Fächern Mathematik und Physik nach Halle geführt und 1959 hatte mich das Francisceum wieder. Nun war ich Lehrer an meiner alten Schule und einige meiner früheren Lehrer waren nun meine Kollegen. Die pädagogische Tätigkeit, der Umgang mit jungen lernwilligen Schülern hat viele Probleme der damaligen Zeit in den Hintergrund treten lassen. In den "Pädagogischen Räten" haben wir oftmals hart diskutiert, aber es gab auch viele erfreuliche gemeinsame Unternehmungen mit dem Kollegium und mit den Klassen.

Mit dem gesamten Personal der Schule, vom Direktor bis zu den Reinigungskräften, gab es Jahr für Jahr Ausflüge in die schönsten Gegenden der DDR und zur Partnerschule in Trutnov. Diese Verbindung zu Trutnov besteht für die Wintersportler unter unseren Schülern bis heute.

Für die Klassen der nun "Erweiterten Oberschule" bestand ein 4jähriges Reiseprogramm. Den politischen Pflichtteil haben vor allem wir Naturwissenschaftler verhältnismäßig klein gehalten und die interessantere Freizeit- und Erholungphase entsprechend ausgedehnt. Radtouren nach Dornburg, Fahrten mit der Harzquerbahn nach Nordhausen und die Fahrten nach Weimar sind allen in guter Erinnerung geblieben. Der Höhepunkt des Reiseprogramms waren dann die Auslandsfahrten. Mit meinen Klassen fuhr ich z. B. nach Karpatsch in Polen oder nach Moskau - Leningrad oder Minsk - Odessa - Kiew (damalige Sowjetunion). 4 Jahre wurde von allen Schülern

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aus meinen Klassen darauf gespart. Gemeinsame Arbeitseinsätze füllten unsere Reisekasse immer mehr auf und vertieften das gegenseitige gute Lehrer - Schülerverhältnis immer mehr. Es wurde aber auch fleißig für die Schule gearbeitet, sowohl von mir als auch von den Schülern. Ich absolvierte zusätzlich an der pädagogischen Hochschule Potsdam ein 5jähriges Mathematikfernstudium und anschließend noch ein 2jähriges Astronomiefernstudium in Güstrow und die Schüler strebten immer bessere Abiturergebnisse an.

Trotzdem gehörte dann auch ich 1981/82 zu den Lehrern, die der Obrigkeit für diese Schule nicht mehr genehm waren. Durch die Astronomie und die Sternwarte mit Astro-Kabinett blieb ich mit dem Astro-Unterricht für alle 10 Klassen der Stadt Zerbst in meinem schönen Schulgebäude.

Die "Wende" brachte einige der vor 8 Jahren "Weggeschickten", so auch mich, an unser Francisceum zurück. Die Schule hatte auch ihren angestammten Namen wieder bekommen und 1993 begingen wir die 190-Jahrfeier unseres Francisceums. Viele meiner ehemaligen Schüler begrüßten mich an diesem Abend beim Ball in der Stadthalle und wir freuten uns über dieses Wiedersehen nach langer Zeit. Mein Tischnachbar war der Direktor unseres Partnergymnasiums in Nürtingen. Er wollte nach einiger Zeit von mir wissen, wer denn die vielen jungen Leute seien, die mich laufend begrüßten. Als ich ihm sagte, dass es meine ehemaligen Schüler sind, stellte er die erstaunte Frage: "Und die kommen alle noch zu Ihnen?" Erst heute kann ich diese Frage verstehen.

Auch nun, nach meiner Versetzung in den Ruhestand im September 2000, lässt mich das Francisceum noch nicht los. Als Vorsitzender unseres 1990 gegründeten Fördervereins hoffe ich auf noch weitere Jahre der engen Verbundenheit mit meinem Francisceum.

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