1939 - 1948 - Meine Schulzeit gesellschaftskritisch betrachtet -
Joachim Hagedorn, Magdeburg

"Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen: Sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins, das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen" Goethe

Mit diesen schlichten, aber sehr gedankentiefen Worten drückt der Autor die komplizierte Wirklichkeit, die Dialektik zwischen Mensch und Gesellschaft in unserer alltäglichen Lebenspraxis aus. Wir spüren geradezu aus diesen Zeilen, dass der "Menschengeist" mächtiger ist als das Schicksal, denn er kann das Geschehen nach beiden Seiten lenken - zum Glück oder Verderben. So ist es also entscheidend, den "Geist" Macht werden zu lassen! Aber diese geistig-moralische Natur des Menschen, Vernunft, setzt sich nicht wie eine biologische Natur -instinktmäßig- von alleine durch!

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Sie bedarf der Auseinandersetzung im Lebenskampf, des Experiments und nicht zuletzt des Lernprozesses, um von einer Stufe der Einsicht in eine höhere zu gelangen!

Hierbei erweist sich die Sprache als wichtiges Medium der Vernunft. Aus solchen Zusammenhängen und in Verbindung mit den Aktivitäten des Menschen ergibt sich logisch zwingend die Herausbildung unseres Sprachmaterials. ("Beherrsche die Sprache, dann folgen die Worte", so äußerte sich bereits Cato der Ältere.) Diesen Gesichtspunkt habe ich schon ursächlich in meinem letzten Beitrag im "Nachrichtenblatt" (Jahrgang 1999) berührt, als ich thematisch unsere Traditionslinie veranschaulichte von den Anfängen bis in unsere besonders "aktuelle Gegenwart", in der das geschichtliche Ereignis eintrat, dass auch in der ehemaligen DDR wieder Francisceertreffen im Geiste unserer Traditionslinie stattfinden konnten. Das ist kein bloßer Zufall gewesen. Hier zeigt sich eindrucksvoll und überzeugend das Besondere und Bemerkenswerte am Menschen, wie er den "Geist" Macht werden lässt, einmal als Individuum und zugleich als gesellschaftliches Wesen!

Auch bei unseren ersten Begegnungen nach der Zwangstrennung durch die DDR-Administration bestätigte sich, dass das bewusste Denken nicht einfach instinktiv funktioniert. Unsere völlig unterschiedlichen Erlebnisse hatten auch unterschiedliche Bewusstseinsinhalte hervorgebracht. Wir verspüren dies auch heute noch in den gesamtdeutschen Beziehungen! Aber vermöge unserer geistigen Vorstellungskraft und Phantasie, der Denkleistung und des Erinnerungsvermögens können wir Heutigen überzeugend aussprechen.

"Jetzt sind wir hier, was heute geschieht , geschieht uns..."

In dieser Traditionslinie des "Gymnasiums illustre zu Zerbst" -einer geschichtsträchtigen humanistischen Bildungseinrichtung- sollten nach meiner Meinung auch Beiträge aus der jüngeren Geschichte nicht fehlen.

Als Schüler des Francisceums von 1939 - 1948 habe ich während dieses Zeitabschnitts zwei sich von der humanistischen Traditionslinie total abhebende diktatorische Systeme (Faschismus und Sozialismus) durchlebt, und zwar in einem grundlegenden Entwicklungsalter zwischen 11 und 20 Jahren. Dieser Lebensabschnitt ist besonders sensibel und beeinflussbar, weil der jüngere Mensch bis hin zum Jugendlichen noch wenig Erfahrung besitzt und sich erst in komplizierte Zusammenhänge von Natur und Gesellschaft, Materie und Bewusstsein hineinfinden muss, um nicht leichterdings von rechts- oder linksradikalen Indoktrinierungsversuchen irregeführt und vom humanistischen Weltbild abgedrängt zu werden! Es ergibt sich unter den herrschenden unfreiheitlichen Bedingungen des NS-Regimes die beachtenswerte Frage, wie nun das Francisceum seine humanistische Traditionslinie - im Sinne von Menschlichkeit, menschenwürdiger Daseinsgestaltung sowie von der Erziehung des Menschen zur Menschlichkeit- in diesem schwierigen schulpolitischen Spannungsfeld zwischen

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Anpassungsdruck und Mündigkeit zu bewahren versuchte! ( Und ob es unter den obwaltenden totalitären Umständen überhaupt eine Chance gab.)

Das Jahr der Aufnahme ins Francisceum -1939- ließ schon eine weltpolitische Spannungslage erkennen, die von Hitler zielstrebig zum kriegerischen Konflikt mit Polen hingeführt wurde. Wir als Jungvolkjungen (Pimpfe) wurden nicht für zu jung befunden, uns aus dem kriegerischen Geschehen herauszuhalten! Ganz im Gegenteil - die vorangegangene Kriegsvorbereitung hatte sich allumfassend,

und zwar in Form einer auf raffinierteste Weise durchorganisierten Propaganda auf das gesamte deutsche Volk erstreckt. Und da in Deutschland der Krieg schon immer etwas Natürliches, etwas Schicksalhaftes war, so wurde er auch als legitimes Mittel der Politik angesehen! Es war nicht leicht, als Schüler der Anfangsklasse (Sexta) in dieser propagandistischen Überflutung einen eigenen Standpunkt zu entwickeln, vielleicht sogar widerstreitenden Gefühlen gegen den Krieg nachzugeben. Die NS-Propaganda war auf totale Okkupation des Menschen eingestellt! Sie arbeitete viel mit Schlagworten, denn es ging um das gefühlsmäßige Empfinden, nicht um verstandesklare Einsichten! Durch irrationale massenpsychologisch wirksame Argumente erreichte die NS-Propaganda beachtliche Erfolge.

Ich habe bis heute beispielsweise zwei die jugendliche Psyche hart bedrängende Filmstreifen noch in starker Erinnerung, die in den Jugendfilmstunden zum Pflichtbesuch gehörten. Ich denke dabei an "Der ewige Jude" und an "Feinde" - ausgesprochene Gräuel-Szenarien zur psychologischen Kriegsvorbereitung ersonnen, und zwar einmal zur Verhetzung und Erzeugung einer Progromstimmung gegenüber dem als rassisch minderwertig eingestuften Weltjudentum und zum anderen gegen das polnische Volk... Ich verließ nach dem Film "Der ewige Jude" das Kino in einer schlimmen, hilflosen Verfassung und hatte überdies noch Angst, dass man mir ansehen konnte, dass ich ganz andere Eindrücke und Gefühle hatte, als die von mir erwarteten! Dieses Zusammenwirken von absichtsvoll ins Bild gesetzten abstoßenden, hässlichen Gestalten und Gesichtern, dazu die disharmonische, schrille Musik, und überdies noch die grelle, keifende Stimme des Kommentators sowie seine widerwärtigen Vergleiche mit dem Rattenungeziefer und viel mehr noch an Ekelerregendem hatten mich total überfordert! Dazu kam noch die Erinnerung an ein älteres jüdisches Ehepaar, dem ich auf meinem Schulwege in der Brüderstraße oft begegnete, und das ich nicht als "jüdisch entdeckt" hätte, wenn nicht der Judenstern gewesen wäre...

Hier war ich nun bereits als Schul- und Jungvolkjunge zum Objekt einer unmenschlichen Politik geworden, deren Zielstellungen eine Sprache verrieten, die nicht das Medium der Vernunft des Menschen sein konnte und deren Tragweite auch über mein jugendliches Fassungsvermögen hinaus ging! Aber die Sprache des "Dritten Reiches" sollte das deutsche Volk manipulieren und seine Meinungsströme beeinflussen, steuern und umlenken. Einige Beispiele zum Zwecke des Belegs für meine Aussagen seien hier aufgeführt. (Es gibt eine wissenschaftliche Analyse von Prof. Klemperer "Sprache des Dritten Reichs", Litera tertii imperii.) In der NS-Propaganda waren Begriffe wie: brutal, rücksichtslos, unerbittlich, mitleidslos, unbarmherzig, unduldsam

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und fanatisch regelmäßig wiederkehrende Vokabeln. So galt es, den Gegner zu zertrümmern, zu vernichten, zu beseitigen, zu vertilgen. Beredter sprachlicher Ausdruck einer Politik in der die Gewalt dominiert! Ein ganzes Arsenal an antisemitischen, antidemokratischen und antipazifistischen und antisozialistischen Feindbildern entstand und sollte die Köpfe vor allem der heranwachsenden Jugend vernebeln! Vorliebe für sprachliches Pathos zeigt sich u. a.: bekennen, Bekenntnis, Gesinnung, gesinnt, bewusst. Schwulst findet sich in Gedichten, besonders in Hitlergedichten.

Hitler als Vaterfigur: Mein Führer! 1. Kindergartengebet
Ich kenne dich wohl und habe dich lieb
wie Vater und Mutter.
Ich will dir immer gehorsam sein
wie Vater und Mutter.
Und wenn ich groß bin, helfe ich dir
wie Vater und Mutter.
Und freuen sollst du dich an mir
wie Vater und Mutter.
Händchen falten, Köpfchen senken
und an Adolf Hitler denken,
der uns gibt das täglich Brot
und uns führt aus aller Not.

2. Kindergebet:

Du lieber Gott ich bitte dich,
ein braves Kind laß werden mich,
gib mir Gesundheit und Verstand,
und schütze unser deutsches Land,

schütz Adolf Hitler jeden Tag,
daß ihm kein Unfall treffen mag,
behüte ihn auf allen Wegen
und gib ihm deinen Segen!
                                   Amen

- Anzeige im "Völkischen Beobachter"
(Geburt eines Stammhalterseines
SS-Ehepaares)
Ein Adolf!

Dem Feind zur Lehr,
 zu Deutschlands Wehr
 durch Kaiserschnitt im Kampf geboren!
 Heil hat uns erkoren!

- Sprache des Evangeliums (Der Herr der Erlösende kommt zu den Armen)
In der 13. Stunde kommt Hitler zu den Arbeitern nach Siemens-Stadt....

- Die vor der Feldherrnhalle Gefallenen (wie christliche Märtyrer bewertet)
Hitler: Meine Apostel: Ihr seid auferstanden im Dritten Reich..
(In der biblischen Geschichte sind es 10 - Blutfahne, Blutzeugen, Blutopfer)
Hitler muss natürlich viel mehr haben als das geschichtliche Vorbild:
- blutgemeißelte Gedichte - Blut und Boden - blutvolles Dasein, Bluterbe. Der Sieg des Blutes gegen volksfeindliche Willkür und Verführung

- Braunau am Inn: Wallfahrtsort der deutschen Jugend

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- Neubildung mit ideologischer Tendenz
Entvolkung, Umvolkung, volksverbunden, volksmäßig, volksbejahend, volksnah

Die HJ-Hymne:

Unsere Fahne flattert uns voran,
In die Zukunft zieh'n wir Mann für Mann,
Wir marschieren für Hitler durch Nacht und Not.
Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.
Unsere Fahne flattert uns voran,
Unsere Fahne ist die neue Zeit,
Unsere Fahne führt uns in die
Ewigkeit,
Ja, die Fahne ist mehr als der Tod.

Bei diesen allumfassend konzipierten propagandistischen Zielstellungen sollte der Hitlerjugend eine besondere Rolle zufallen, die auf eine weiterreichende grundlegende Einflussnahme auf die Schule hierbei schon vorausgedacht war. Begünstigt wurde dieses Vorgehen der HJ-Führung besonders durch ein Schulsystem in Deutschland, das Erziehungsprinzipien aus vergangenen Jahrzehnten konserviert hatte hinsichtlich spießiger, schwerfälliger und autoritärer Praktiken mit beamtenhaft geprägter Durchsetzungsweise, die auch im Prinzip eine unflexible Haltung der Lehrer charakterisieren. Streng formulierte Pläne, mechanische und strenge Disziplin dominierten, so dass die Schüler oft nur passive Rezipienten von Wissen waren. Einen gewissen Vorlauf hinsichtlich der größeren Beachtung individueller Ausdrucksmöglichkeiten der Jugend in den Schulen hatten bereits die Ideen der "Wandervogelbewegung" erbracht, besonders hinsichtlich der Erziehung des "ganzen Menschen", was auch die Gestaltung der meisten Gruppen der Jugendbewegung widerspiegelte. Obwohl die Jugendbewegung eine Vielzahl von konstruktiven Ideen zur Verbesserung und Modernisierung des Erziehungswesens angeboten hatte, verfolgte die

Hitlerjugend andere Ziele. Die Worte des Reichsjugendführers ließen nicht viel Optimismus zu: "Für uns ist das Gefühl mehr als der Verstand. Ein Arbeiterjunge, dessen Herz heiß für den Führer schlägt, ist für Deutschland wesentlicher als ein hochgebildeter Ästhet, der jede Regung seines schwächlichen Gefühls mit verstandesmäßigen Überlegungen bekämpft!" In einer offiziellen Direktive der Partei hieß es dazu: Die deutschen Jungen und Mädchen zu nationalsozialistischer Haltung und Lebensauffassung zu führen und auf ihre einzige Aufgabe als Träger des Reichs körperlich und geistig vorzubereiten... Schließlich erreichte es die Hitlerjugend, die einzige maßgebliche Jugendorganisation für junge Deutsche zu sein. Bis auf den Namen hatte die HJ nun den Status einer Staatsjugend, obwohl die Mitgliedschaft in der HJ für die Altersgruppen von 10 bis 18 Jahren bereits viel früher eine verpflichtende Tendenz aufwies, wurden erst im März 1939 die Durchführungsbestimmungen zu dieser Jugenddienstpflicht herausgegeben! Die Jugendarbeit, die anfangs Spontaneität und Flexibilität sowohl bei den Leitern als auch bei uns "blutjungen" Mitgliedern erkennen ließ, wurde immer mehr politisiert, denn es galt den "politischen Soldaten" herauszubilden (Soldat sein, heißt sterben können, Soldat sein heißt, um so klarer, fester, ungezwungener leben). Nach der Losung: "Die Fahne ist mehr als der Tod".

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Der neue erzieherische Schwerpunkt lag auf der Entwicklung einer kollektiven Volkspersönlichkeit innerhalb vorgegebener eindeutiger rassischer und ideologischer Kriterien. Hier zeigt sich auch Hitlers

Ablehnung gegenüber der akademischen Bildung und seine Abneigung gegenüber Lehrern und Intellektuellen. Die Kultivierung des Geistes nahm im Erziehungsprogramm des Nationalsozialismus eine nachgeordnete Position ein, Priorität besaß die politische Schulung der Jugend und die Verpflichtung gegenüber dem Staat. Das bedingte auch eine komplizierte Situation für die akademisch gebildete Lehrerschaft, die Erziehungsideale des "Gymnasiums illustre" - im Widerspruch zwischen Anpassung und Mündigkeit - nicht völlig verlustig gehen zu lassen! Da es sich bei einer Schule um junge Menschen handelt, die ins Leben drängen und die Verstandeskraft und Gefühlsstärke als Wesenseigenschaften besitzen, kam auch unser Francisceum in diese Auseinandersetzungssituation; schließlich sind Anpassung und Mündigkeit zwei völlig konträre Willensrichtungen. So ist der angepasste Mensch entsprechend den gesellschaftlichen Normen weitgehend steuerbar. Anpassung - wie unter NS-Erziehung verstanden - hieß doch Verzicht auf jede persönliche Wertung. So konnten leicht Anpassen und Handeln mühelos zusammengehen, weil das innere Urteil - das Gewissen - nicht berührt wurde". Eine solche politische Spannungssituation bedingte auch ein vorsichtiges überlegtes Taktieren der Lehrer, was auch für die Unterrichtssituation galt. Aber vermöge eines umfassenden Allgemeinwissens gepaart mit hochspezifischer Sachkenntnis einschließlich Lebenserfahrung ergaben sich immer auch, besonders in den geisteswissenschaftlichen Fächern Gedanken - Spielräume und Gedanken - Verbindungsmöglichkeiten, bei denen humanistische oder anderweitig progressive Wertungen unterrichtlich einfließen konnten!

Überdies war die Zahl der Lehrer, die mit der HJ offensiv zusammenarbeiteten, sehr begrenzt; manches Verhalten war auch bloß eine taktische Variante! Ganz wenige, die parteiaktiv waren! Außerdem entwickelten auch die Schüler ein Gespür, wo Vertrauen möglich oder Vorsicht geboten waren. Natürlich konnte das Schulleben am Francisceum keine Sonderrolle im großen gesellschaftspolitischen Prozess einnehmen. Aber bei aller Zwangsorientierung an der vorgezeichneten politischen Linie ist das Gespür für Mündigkeit nie verlorengegangen, und ich möchte aus der Erinnerung hinzufügen, dass die erfolgreiche Arbeit der Schule auch ablesbar wird an Lebensläufen der beruflichen Entwicklung der ehemaligen Schüler des Francisceums. Diese Erfolge sind weniger aus dem antihumanistischen "nationalsozialistischen Menschenbild" gespeist worden, als viel mehr hervorgegangen aus den nicht dauerhaft zu unterdrückenden Antriebskräften der Mündigkeit, wie groß auch schulischerseits der Spielraum dafür gewesen ist!...

Das Eintreten der Jugendführung für das Prinzip "Jugend führt Jugend" wirkte beflügelnd und schaffte sehr absichtsvoll Konfliktstoff mit der Schule, die mehr einen intellektuell ausgerichteten Ansatz sowie die Verteidigung akademischer Normen praktizierte. Bei dieser Aktion gegen die Schulen kam es der HJ auch darauf an, eine gewisse soziale Gleichheit in das Schulsystem zu bringen und die Gymnasien besonders ins Visier zu nehmen, weil sie als konservativ, bürgerlich und scholastisch-tradiert angesehen wurden. Dabei brachte die HJ-Führung den Generationenkonflikt in der

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Lehrer-Schülerbeziehung mit in die Auseinandersetzung. Schüler, die Leiter der HJ waren, wurden ermuntert, die Autorität der Lehrer zurückzuweisen. Auch Schirach äußerte sich so unverblümt, "dass akademisch qualifiziertes Personal ungeeignet sei für die Aufgabe, die Energie der Jugend in der Schule für den Nationalsozialismus nutzbar zu machen". Er verlangte nach einem neuen Typus eines nationalsozialistischen Lehrers, der mehr den nichtakademischen Ansatz der HJ vertrat. Nur so würde der Nationalsozialismus vollends das Schulsystem befruchten! Schließlich gelang es der HJ auch noch, dass ein HJ-Vertrauenslehrer eingesetzt wurde. Dieser hatte bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Schülern, die HJ-Mitglieder waren und Lehrern als Schiedsrichter zu fungieren. Auf diese Weise wurde die Position der HJ in den Schulen beachtlich gestärkt.

Insgesamt war dieses konsequenzenreiche Eindringen der HJ ins Schulsystem unseres Gymnasiums - hinsichtlich der verschiedensten Bereiche - für uns Schüler und Pimpfe nicht so recht bis in alle Hintergründe zu durchschauen, so dass wir mehr über die äußeren Vorgänge und Erscheinungsbilder gewisse eigene Vorstellungen erlangten, die auch widerspruchsvoll wirkten. So erlebten wir beispielsweise an politischen Feiertagen oder bei sonstigen politischen Anlässen vielfältigster Art, dass die Hitlerjugend mit ihren angeschlossenen Organisationen, dem Deutschen Jungvolk (DJ) und dem Bund deutscher Mädchen (BdM) in auffallender Vielzahl in Erscheinung trat, am augenfälligsten in den oberen Klassen! Und was besonders auffiel, war die Repräsentanz in Uniform, von den Unterführern angefangen bis zu den höchsten Führungsrängen, was besonders wirkungsvoll erkennbar war an den farbigen Führerschnuren. Und für 1uns Schüler und Pimpfe war erkennbar, dass diese älteren Mitschüler von der HJ positiv angezogen wurden, so dass auch uns die emotionale Seite inspirierte! ... Da kamen die regelmäßigen Heimabende mit der ideologischen Einschärfung in unser Bewusstsein, da erschienen die Bilder vom "ewigen Juden" aus dem Kino vor unserem geistigen Auge, und hier erlebten wir leibhaftig Jugendliche von Fleisch und Blut wie wir selbst, die in der Kleidung der Staatsjugend dem Geschehen in freudiger Stimmung folgten! Hier ergab sich für mich und meine Jahrgangsangehörigen - noch so gut wie im Kindesalter zu diesem Zeitpunkt befindlich - eine Situation des Ausgeliefertseins... Unser Alter verfügte nicht über die Verstandeskraft, das alles zusammenhängend zu begreifen, wenn sogar ein ganzes Volk in der Mehrzahl jubelnd der logisch zwingenden Katastrophe entgegen "siegte" bis zur totalen Niederlage! In solchen Szenarien zeigte sich dem kritischen Betrachter - spätestens - dass die HJ die Schulen - und nicht zuletzt die Gymnasien erfolgreich okkupiert hatte. Hier fand die NS-Ordnung führungsfähiges Personal, nicht ohne eigenes Karrierebedürfnis und mit dem Gespür für eine über die Schule hinausreichende Perspektive! Schließlich erhielt die Jugend nicht nur reichlich Lob und Aufmerksamkeit seitens des Staates, sondern es ergaben sich auch zweifellos Vorteile aus den allgemeinen Aktivitäten der HJ: ein großes Angebot von Einrichtungen für Sport und physisches Training, Sozialfürsorge und Berufsmöglichkeiten, einschließlich des populären Berufswettkampfes und des Jugendschutzgesetzes, bessere Anstellungsaussichten und eine Auswahl kultureller Interessengebiete...

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Aber der grausamste Widersinn zum Wahnsinn hin sollte uns auch nicht erspart bleiben. Der am 22. Juni 1941 erfolgte Überfall auf die Sowjetunion wurde kein Blitzkrieg, sondern eine sinnentleerte, menschenmassen-verschlingende Materialschlacht, die die totale Niederlage Deutschlands nur hinauszögerte. Soweit ich Einzelheiten noch genau in Erinnerung habe, meldeten sich die HJ-Führer der kurz vor dem Abitur stehenden Klassen freiwillig zum sofortigen Kriegseinsatz. Sie erhielten als Dank des Vaterlandes ein Notabitur. Es dauerte nicht lange, bis sich die Kunde von den ersten Namen der für "Führer, Volk und Vaterland" bei Stalingrad gefallenen Schüler wie ein Lauffeuer in den Klassen verbreitete; in einer Kleinstadt werden solche Nachrichten blitzschnell bekannt, in manchen Häusern hatten mehrere Familien den Tod des Sohnes zu beklagen...

Am 2. Februar 1943 war die Vernichtung der deutschen 6. Armee bei Stalingrad abgeschlossen, und am 18. Februar sprach der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda über alle deutschen Sender vor ausgewählten Zuhörern im Berliner Sportpalast. Es war eine "Kundgebung des fanatischen Willens". Von den 10 Fragen, die Goebbels an die politischen Führungskräfte des untergehenden Deutschen Reiches richtete, hebe ich nur die sogenannte "Schicksalsfrage" heraus: "Ich frage euch: "Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig totaler und radikaler, als wir uns ihn heute überhaupt noch vorstellen können?" Der Reichsrundfunk übertrug noch eine halbe Stunde lang den tosenden Beifall der Menge! Überliefert ist auch die zynische Bemerkung von Goebbels danach: "Dieser Stunde der Idiotie - hätte ich gesagt, sie sollen aus dem dritten Stock des Columbus-Hauses springen, sie hätten es auch getan..."

In das Erlebnisbild eines Schülers und Jungvolkjungen während meiner Gymnasialzeit unter den Verhältnissen der national-sozialistischen Diktatur kurz vor ihrem Zusammenbruch am 8. Mai 1945 gehört auch noch die Abkommandierung zum Katastropheneinsatz am 17. Januar 1945 in Magdeburg. Dieser Tag ist mir auch nach 55 Jahren noch nachhaltig in Erinnerung geblieben, obwohl ich das Bombardement Magdeburgs in seinem furchtbaren Ablauf von 39 Minuten nicht selbst in der Stadt erlebt habe. Ich saß zu diesem Zeitpunkt im Bunker des Zerbster Schlosses und befand mich gemeinsam mit den Männern der aktiven Feuerwehr in Alarmbereitschaft. Zu diesem Dienst war ich nebst anderen Jugendlichen von der örtlichen Führung der Hitlerjugend abkommandiert, um bei den fast täglichen Feindeinflügen sofort einsatzbereit zu sein. Ich war damals noch nicht ganz 17 Jahre alt und besuchte noch das Francisceum meiner Heimatstadt Zerbst. Als wir während des Bombenhagels über Magdeburg für wenige Augenblicke den Schlossbunker verließen, um im Freien Ausschau zu halten, konnten wir in einer Entfernung von 40 km erleben, wie sich der Himmel blutrot färbte, so dass wir Schlimmes für die Bevölkerung fürchten mussten. In den frühen Morgenstunden des 17. Januar 1945 wurden viele Jugendliche in ihrer Eigenschaft als Mitglieder des Jungvolks durch Bannführerbefehl zum Katastropheneinsatz nach Magdeburg transportiert. Wir fuhren zusammengekauert in einem offenen Anhänger, der von einem Tecker gezogen wurde, in mehrstündiger Fahrt bei kalter Witterung der Katastrophenstadt Magdeburg entgegen. Ein anderes Gefährt war wenige Monate vor dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands nicht mehr

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aufzutreiben, weil alle irgendwie auffindbaren und noch "bewegbaren" Fahrzeuge längst für den Kriegseinsatz an der Front waren! Wir kamen nur bis kurz hinter Biederitz und mussten nun sehen, wie wir uns dem Inferno, das das Bombardement hinterlassen hatte, näherten!

Wir hatten bereits mehr als vier Kriegsjahre durchlebt und waren durch die "Deutsche Wochenschau" mit vielen Verwüstungen und mit viel menschlichem Elend "aus der Ferne" in lose Beziehung gekommen. Aber was auf mich bei diesem Einsatz zukommen sollte, ließ alles bisherige als "Bilderbuchdarstellung" verblassen! Wie anders hatte doch noch das Kino - Erlebnis der Bombardierung fremder Städte durch die deutsche Luftwaffe emotional gewirkt im Vergleich zum grausamen Eigenerlebnis dieser Wirklichkeit, in die ich jetzt befehlsmäßig gestellt worden war! Eine blühende Stadt lag in riesigen Ausmaßen als gespensterhafte Ruinenstadt vor mir. Meine eigene Vorstellung reichte nicht aus, solche Größenordnungen an sinnloser Zerstörung als junger Mensch zu fassen! Der Blick von der Elbe aus taumelte orientierungslos bis ins Innere der gewesenen Stadt und fand nirgends noch eine menschliche Bleibe. Diesem Blick folgte nun der Versuch, durch Häuserruinen und meterhohe Trümmerberge über verglühende Eisen- und verkohlte Holzträger und sonstige Barrieren, durch noch vage in Umrissen erkennbare einstige menschliche Behausungen vorzudringen, um zum Stellplatz "Bremers Konzerthaus" zu gelangen. Besonders unangenehm und belastend wirkte sich die mit feinstem Staub angereicherte Luft auf das Atmen aus. Die Luftbewegung hatte die Brände stark angefacht. Zeitweilig überfiel mich das niederdrückende Gefühl von Ausweglosigkeit, Ratlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Und ich wollte helfen, nützlich sein, möglicherweise auch noch Leben retten helfen! Schließlich fand ich "Bremers Konzerthaus", das das Bombardement überstanden hatte. Es war zu einer Auffang-, Sammel- und Verpflegungsstelle umfunktioniert worden, um den obdachlosen Menschen eine Orientierung zu geben. Hier wurde ich als Kurier eingesetzt und erfuhr von vielen menschlichen Schicksalen. Diesen Menschen war das Leben geblieben, aber sie hatten alles verloren! Viele suchten ihre Angehörigen und bangten: lebten sie noch oder lagen sie unter den noch rauchenden Trümmern und waren längst tot? Aber zutiefst beeindruckte mich in dieser furchtbaren Notlage die Haltung von Menschen, die sich nicht ihrer Verzweiflung überließen, sondern zu der mutigen Auffassung kamen, dass das Leben weitergehen müsse... Diese verinnerlichten Erlebnisse des Katastropheneinsatzes haben mich auch über 55 Jahre nicht wieder losgelassen. Es war schon eine schlimme innere Verfassung, mit der Widerspruchssituation zwischen selbstherrlicher Nazipropaganda und dem bewiesenen und selbsterlebten Naziunrecht auf so belastende Weise konfrontiert zu werden! In diese Widerspruchssituation gehört jenes Nazigedicht von Eckart, das ich in dieser Endphase des Krieges noch kennen lernen musste:

"Vater im Himmel, entschlossen zum Tode
knien wir vor dir, o antworte uns!
Ist noch ein Volk, das dem hehren Gebote
redlicher dient, als wir Deutsche es tun?
Gibt es ein solches, dann, Ewiger, spende
schicksalsgewaltig ihm Lorbeer und Sieg!
Vater, du lächelst? O Glück ohne Ende!
Auf und hinein in den heiligen Krieg!

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So war das grausame Erlebnis gleichzeitig auch ein Ausbruch aus geistiger Enge und ein wichtiger Denkanstoß, sich nicht einfach dem Lauf der Zeit zu überlassen, sondern Sinne und Verstand entsprechend der fortschreitenden Entwicklung zu schärfen.

Aber bis zur bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands am 8. Mai 1945 war zwar zeitlich nur noch eine kurze Wegstrecke, aber diese stellte mich noch vor schwierige Situationen. Nach der Niederlage bei Stalingrad sollte die Schicksalsfrage "-wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig totaler und radikaler als wir uns ihn heute überhaupt noch vorstellen können?" - den wahnwitzigen Fanatismus bis zur völligen Besinnungslosigkeit treiben! Damit ging auch eine weitere Militarisierung der Sprache einher. Die Worte "Kampf und kämpfen" wurden mit allen möglichen und unmöglichen Dingen und Beziehungen verbunden. Da ist die Rede vom Geburtenkampf, Lebenskampf, Schicksalskampf und seelischem Kampf; auch Kampfbeiträge (bezogen auf die Sammelbüchse) waren völlig fanatisch - expressive Produkte, die entsprechend der militärischen Lage wie Pilze aus der Erde schossen! Auch das Wort heroisch hatte Hochkonjunktur. Auch hier ging es um Ausdruckssteigerung, nicht um Präzisierung, der Verstand sollte einfach überrannt werden und eine geradezu beschwörende Wirkung auf die Massen ausgelöst werden!

Der Krieg war schon längst auf deutschen Boden zurückgekehrt, von wo er einstmals ausgegangen war! Hitlers brutale Herausforderung gegenüber England: "Ich werde ihre Städte ausradieren" (auch als Coventryren unrühmlich bekannt geworden), war nun für Deutschland blutige Wirklichkeit, und zwar in dieser Endphase des Krieges fast Nacht für Nacht und häufig auch bereits am hellen Tage, und viele deutsche Städte waren schon zu Trümmerlandschaften geworden! Aber das atemberaubendste, verheerendste Bombardement in der Nacht vom 13./14. Februar 1945 auf die Kunst- und Kulturmetropole Dresdens, eine von Kriegsflüchtlingen völlig überfüllte Stadt, war wohl eine Antwort auf die hysterisch - blindwütige, bereits Amok-Atmosphäre darstellende Proklamation des totalen Krieges -totaler und radikaler als wir ihn bisher kennen - durch einen bereits an allen Gliedern völlig wundgeschlagenen "Gesellschaftskörper Deutschland", dessen "größter Führer aller Zeiten" (Gröfaz) die eigene Bevölkerung verheizte, wie es wohl Hitlers im intimen Kreis geäußerte Absicht war, wenn das deutsche Volk nicht wieder siegreich sein würde! Ich habe noch aus Schultagen folgende umlaufende Äußerungen in Erinnerung: "Wenn ich einmal abtreten muss, dann werde ich die Tür so fest zuschlagen, dass sie keiner wieder öffnen kann. Und die es versuchen, werden daran selbst zugrunde gehen!" ...

Nachdem die Amerikaner, die am 16. Januar 1945 stark bombardierte Stadt Magdeburg fast kampflos eingenommen hatten, rückte die Front in den ersten Monaten des Jahres 1945 immer weiter an Zerbst heran, das eine Brückenkopffunktion erlangte und immer folgenreicher in das sich vorbereitende Kampfgeschehen einbezogen wurde. In diesen spannungsreichen Wochen erlebte ich noch viel Abenteuerliches, was so im gewöhnlichen Alltag nicht vorkommt. Und so war die mich umgebende Szenerie in ihrer besonderen Dramatik gerade das eigentlich Atmosphärische, das diesen Nervenkitzel - der jugendlichen Psyche geschuldet - bewirkte! Obwohl die Verhältnisse

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in Wirklichkeit recht trostlos waren, denn alle vergnüglichen Dinge - Kino, Theater, Tanz - waren seit Stalingrad verboten, und das ganze Leben war "kartenmäßig" rationiert, und überdies gingen wir einem sehr ungewissen Schicksal entgegen, denn Deutschland hatte ungeheuerliche Schuld auf sich geladen!

Ein geregelter Unterricht war nicht mehr möglich, denn fast allnächtlich überflogen uns angloamerikanische Bomberverbände mit Kurs Berlin und lösten Fliegeralarm aus. Auf Berlin, der Reichshauptstadt, als einer der am stärksten zerstörten Großstädte, richteten sich schon jetzt die unterschiedlichsten alliierten Interessen und Zielvorstellungen, die bereits kommende Konflikte bei den Nachkriegsverhandlungen ahnen ließen. Unter diesen kriegsbedingten Gegebenheiten bereitete sich die Stadt Zerbst auf ihre sinnlose, führerbefehlsmäßige Verteidigung als Festungsstadt vor. Überall in der Stadt wurden Panzersperren gebaut und sogar das harmlose Flüsschen "Nuthe" musste an mehreren stellen gestaut werden; gleichzeitig wurde die Uferböschung mit Erdreich aufgeschüttet, so dass sie steiler wurde, auf dass Panzer sie nicht "bewältigen" sollten! Diese hektischen Aktivitäten waren völlig nutzlos! Und so ergab sich - aus der vorweggenommenen Vorstellung einer "Konfrontation" zwischen Panzersperre und Panzerfahrzeug - die folgende karikierende Begebenheit, die sich alsbald wie ein Lauffeuer verbreitete. Frage: Wie lange braucht ein feindlicher Panzer, um diese aufwendig errichtete Sperre zu durchbrechen? Antwort: 35 Minuten: 5 Minuten zum Beiseiteräumen und 30 Minuten zum Totlachen! Es gibt dazu die vielfältigsten Varianten! In dieser völlig diffusen Kriegssituation wurde ich noch zum Kurierdienst beim deutschen Volkssturm von der HJ-Leitung abkommandiert und war u. a. für die Zustellung der Kurierpost an die Volkssturm-Kommandeure verantwortlich, was eine hochpolitische Dienstsache war! Zu dieser Zeit verschärfte auch die Edelweiß-Widerstandsgruppe ihre Sabotage- und Desorientierungstätigkeit, um zusätzlich Unsicherheit und Verwirrung zu stiften. Eines Tages war die Post mit den Befehlsunterlagen für die Kommandeure spurlos verschwunden, und ich wurde verantwortlich gemacht. Da dies ein an "Hochverrat grenzender Sabotage-Akt" zu sein schien, wurde sofort der Bannführer informiert - und ohne jeden Beweis eines Fehlverhaltens meinerseits - wurde mir mitgeteilt, dass gegen mich ein Disziplinarverfahren wegen "Kriegssabotage am Deutschen Volkssturm" eingeleitet wird! Bei dieser völlig verworrenen, aussichtslosen militärischen Lage, die absehbar in den totalen Niedergang mündete, ging alles drunter und drüber!...

Ich kann mich auch noch an eine übermütig-leichtsinnige Begebenheit erinnern, die so richtig zeigt, wie der Mensch in Ausnahmesituationen den Reiz von Risikofreudigkeit verspürt! Eines nachmittags - wir waren fünf gleichaltrige Jugendliche - und wollten auf den Eisenbahngleisen den Amerikanern entgegengehen. Der Zugbetrieb von Magdeburg nach Zerbst war wegen Feindeinwirkung eingestellt. Völlig von dieser Idee besessen, und ein Lied johlend "So schön wie heut, so müsst es bleiben"... achteten wir überhaupt nicht darauf, was um uns herum passierte. Wir stellten uns vor, wie es wohl sein könnte, erstmalig mit den Siegern in der von uns erlernten Sprache in solcher außergewöhnlichen Situation zu "kommunizieren"! Mit diesen Gedanken engagiert beschäftigt, schoss plötzlich ein Jagdbomber aus einer Wolkenfront auf ein treffsicher

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ausgemachtes Menschenziel, das wir verkörperten. Wäre nicht unmittelbar neben den Gleisen ein Dränage-Graben verlaufen, in den wir panikartig hineinstürzten, so hätte das den sicheren Tod bedeuten können. Wir hörten nur noch, wie die MG-Garben auf den Bahnkörper niederprasselten und auch die 5-Zentnerbombe, die das Flugzeug mit sich führte, in nächster Nähe mit Höllenlärm detonierte! Übermut tut selten gut... kam uns sehr kleinlaut geworden in den Sinn...

Schließlich erreichte mich noch am 11. April 1945 - nicht einmal mehr einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands - meine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst, der ich aber nicht mehr gefolgt bin, weil die Amerikaner bereits im Vormarsch auf Zerbst waren, das zur Front- und Festungsstadt erklärt wurde. Die Evakuierung der Bevölkerung und ihre Unterbringung in den Nachbardörfern lief inzwischen auf Hochtouren. Meine Mutter und ich erhielten Quartier in einer Scheune in Luso, während mein Vater beim Volkssturm in Zerbst Dienst tat...

Am 16. April 1945 - einhergehend mit der Verweigerung der Kapitulation der Stadt durch den Stadtkommandanten wurde meine Heimatstadt mit ihren mittelalterlichen Bauten der Altstadt, die immer mit Stolz in einem gewissen Vergleich mit Rothenburg ob der Tauber gebracht wurde, dem Erdboden gleichgemacht. Es entstand hoher Sachschaden, und Hunderte von Toten waren zu beklagen. Dieses Erbe hinterließen die "Verteidiger", die sich längst in Richtung Westen abgesetzt hatten. Auch von meinem Bannführer keine Spur mehr. Ich habe den Anflug der Bomber in mehreren Wellen von der Lusoer Chaussee aus miterlebt und habe mich Stunden später in diese Stadt begeben, um in Erfahrung zu bringen, wie unser Haus in der Käsperstraße die Bombardierung überstanden hatte. In hundert Meter Entfernung war eine Luftmine niedergegangen, die einen riesigen Krater gerissen hatte, wobei die Versorgungsleitungen völlig zerfetzt wurden. Durch den Umstand, dass die ehemalige Schlossgärtnerei an unser Grundstück angrenzt, ist der Luftdruck stark abgefangen worden, so dass nur das Dach total abgedeckt war, und an einigen Stellen hatte die Druckwelle Risse im Mauerwerk hervorgerufen. Die Bombe hatte dem Schloss gegolten, aber ihr Ziel um einiges verfehlt. Wie ein Wunder war das Schloss nahezu unversehrt geblieben, nur der Schlossturm, in dem das Staatsarchiv untergebracht war, hatte starke Schäden aufzuweisen! Die beiden Flügel aber blieben erhalten und hätten nicht einem jahrelangen Verfall anheimfallen müssen! Auf dem Rückweg in unser Scheunenquartier in Luso habe ich noch einen kleinen Umweg gemacht, der mich am Francisceum vorbeiführte. Während die Brüderstraße, einschließlich der reizvollen Lindenallee, arg heimgesucht worden war von Zerstörungen, fand ich zu meiner großen Freude das Francisceum so gut wie unbeschädigt. So stand ich wie gebannt vor meiner geschichtsträchtigen Schule mit ihrer nach Jahrhunderten zählenden humanistischen Traditionslinie, als hätte sie mit ihrer geistig-moralischen Ausstrahlung schlimmeres menschliches Unheil abwenden können, während der von Menschenhand durch Bomben ausgelöste Feuersturm ringsum blind gewütet hatte!

Wie verdichteten sich doch in diesen dramatischen Augenblicken meine Gedanken über das Wesen Mensch - einmal als den Schöpfer seiner selbst - und zum anderen etwas

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zugespitzt -, dass das Schicksal des Menschen der Mensch selbst ist! Welche eigentlich doch hoffnungsvolle Perspektive ergäbe sich daraus für das Menschengeschlecht...!

Nun war der Weg frei für die amerikanischen Truppen, die von der Stadt Zerbst Besitz ergriffen. Ich habe diesen Einzug miterlebt. Eine hochmodern ausgerüstete Armee mit großer technischer Mobilität von kleinen geländegängigen Jeeps über die motorstarken Mannschaftsfahrzeuge bis zu den schweren Panzern. In der Breiten Straße, die Fortsetzung der Magdeburger, bot sich mir eine erste Gelegenheit, die amerikanischen Soldaten leibhaftig zu erleben, als sie die zertrümmerte Stadt nach Widerstandsnestern durchforschten. Dabei ergab sich sogar eine kleine Kontaktsituation, in der die Bemerkung fiel: "You must work for America !" An weiteren Tagen - ich wohnte ganz nahe am Schlosspark, wo die Mannschaften biwakierten - ergaben sich immer wieder Gesprächssituationen, und es war ein reizvolles Gefühl, die Sprache der Soldaten einigermaßen zu verstehen. Was uns Jugendlichen besonders auffiel, war die hochmoderne Versorgungssituation der Soldaten. Wir lebten seit 1939 unter rationierten Verhältnissen, und als junger Mensch hatte man immer Hunger! Es war alles so beeindruckend praktisch, hygienisch und zugleich appetitlich, die verschiedensten Mahlzeiten wie Breakfast, Lunch, Dinner. Daran war zu erkennen, dass Amerika über eine hochmoderne Konservierungstechnik verfügte... So erlebten wir die Endphase des Krieges mit sehr zwiespältigen Gefühlen. Einerseits forderte dieser mörderische Krieg noch täglich seine Opfer, ganz besonders hinsichtlich der Bombardierungen, andererseits stellte er uns täglich vor neue Probleme, das Überleben zu bewerkstelligen. In dieser "Fegefeuer"-Situation dämmerten bisweilen solche Gedanken auf, dass der Krieg kein Gesetz ist und der Friede kein Geschenk...!

Am 8. Mai 1945 war es dann soweit, dass Hitlerdeutschland bedingungslos kapitulieren musste! Die Rote Armee hatte den Endkampf gegen die Machtzentrale Berlin geführt. Als Ende des "Großen vaterländischen Krieges" galt für die Rote Armee nicht die Eroberung des Führerbunkers, sondern die Bezwingung des symbolträchtigen Reichstags als Stätte imperialer Machtpolitik Hitlerdeutschlands. Dieser blutige Kampf - Mann gegen Mann - endete mit der Hissung der roten Fahne auf der Reichstagsruine... Bei der Besetzung Deutschlands spielte Berlin eine besondere Rolle. Noch vor Kriegsende einigten sich die Alliierten darauf, Berlin - die Machtzentrale des Nationalismus, von der Diktatur, Massenmord und der zweite Weltkrieg ausgegangen waren - gemeinsam zu besetzen. Damals entstand eine besondere geopolitische Lage Berlins inmitten der sowjetischen Besatzungszone. Die zu Beginn erfolgversprechende Zusammenarbeit der vier Siegermächte - begründet durch die gemeinsame Niederringung Hitlerdeutschlands und die Kapitulation der deutschen Wehrmacht - führte aber in der Besatzungspolitik zu keiner befriedigenden Übereinkunft. Aber für die künftige Entwicklung war es wichtig, dass in Deutschland jede Besatzungsmacht eine Zone mit klar umrissenen und vertraglich fixierten Grenzen erhielt. Allein Berlin sollte gemeinsam besetzt werden. Und so zogen sich die britischen und amerikanischen Regimenter, die aus militärischen Gründen in die sowjetische Zone vorgedrungen waren, im Juni 1945 in ihre Zonen zurück. Bei gleichzeitiger Verlegung ihrer nationalen Garnisonen nach Groß-Berlin in Verbindung mit der Gewährung des

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ungehinderten Zugangs für diese Truppen auf dem Luft- und Schienenweg sowie der Straße! Allerdings wurde der westliche Standpunkt, dass die westlichen Zugangswege von und nach Berlin untrennbar zu ihrem Anwesenheitsrecht in der ehemaligen Reichshauptstadt gehören, von den Sowjets nicht schriftlich bestätigt, was 1948 zur Errichtung der Luftbrücke führte, um der Blockade der westlichen Sektoren durch die russische Seite erfolg- und siegreich zu begegnen! Dabei haben die Luftkorridore, in denen die Westmächte das uneingeschränkte Nutzungsrecht hatten - Berlin, Frankfurt a.M., Bückeburg und Hamburg - eine entscheidende Rolle gespielt!...

Am 1. Juli 1945 kam das von sowjetischen Truppen eroberte Berlin unter Drei-Mächte-Kontrolle. Frankreich übernahm seinen Sektor erst am 12. August nach Abschluss der Potsdamer Konferenz, die einen reparationspolitischen Kompromiss darstellte und die faktische Teilung Deutschlands besiegelte! Im Zusammenhang mit diesen Entscheidungen verließen auch die amerikanischen Kampftruppen wieder unseren Raum, und die Stadt Zerbst sah nun dem Kommen der Roten Armee entgegen! Die Begegnung mit den Amerikanern hatte tiefe Spuren in unserem Erleben hinterlassen. Es ist der Kontakt gewesen zu Soldaten, mit denen man sprechen konnte und die nach Europa gekommen waren, um der faschistischen Barbarei ein Ende, aber auch der Sowjetdiktatur ihre Grenzen in Europa zu setzen. Schließlich drückt sich hierin bereits ein Stück Wettkampf der Systeme aus, der allen Widersprüchen zum Trotz zugunsten demokratischer Wertvorstellungen schließlich entschieden werden konnte, so sehr sich der Koloss Sowjetunion auch dagegen wehrte!

Für mich und meine Altersgenossen waren das spannende Erlebnisse trotz der vielen Probleme, die der Untergang des faschistischen Deutschen Reichs mit sich brachte. Es ist im Nachhinein betrachtet, fast von philosophischer Erkenntnis, was aus Notsituationen alles hervorgehen konnte hinsichtlich des menschlichen Beziehungsreichtums, der Reaktionen und Verhaltensweisen! "Not ist die Mutter der Erfindungen", sagte ein deutsches Sprichwort! Und ich erinnere mich dabei, wie aus der Gesamtsituation, die eine Not-Situation war, Verständnis, Hilfsbereitschaft, freundschaftliche Augenblicke bis hin zu Sympathiegefühlen erwuchsen, die auch nicht an nationalen Grenzen halt machten. Manches Selbstwertgefühl schmolz auch dahin beim leckeren Anblick von Essbarem, beim Gaumenkitzel von Süßigkeiten wie Schokolade oder der Palette verlockender Südfrüchte! Aber enttäuscht hatte mich beim Abzug der Amerikaner aus Zerbst, dass sie auf dem Schlachthofplatz noch solche verbalen Spuren hinterließen: "Wir grüßen dich, du deutsche Sau, wir kehren Heim zur edlen Frau"...

Nicht unbelastet sah die Bevölkerung in der Sowjetischen Besatzungszone, wozu auch meine Heimatstadt Zerbst gehörte, die Ankunft der Rotarmisten, denn die faschistische Propaganda hatte schon ein nachhaltig wirkendes Bild vom "bolschewistischen Untermenschen" in die Welt gesetzt. Manches Beispiel hatte auch die Rote Armee selbst geliefert! Auch der recht gegensätzlich sich vollziehende Einmarsch der sowjetischen Kampftruppen im Vergleich zum noch taufrischen Erlebnis der Erstbegegnung mit den Amerikanern konnte die Unsicherheiten nur noch vertiefen. Da kamen sie in langen

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Kolonnen mit ihrem Panje-Wagen, beladen mit Heu, Stroh und allem Möglichen an Feldprodukten wie Zwiebeln Kohlrabi, Gurken und Beerenobst usw. als hätten sie ein ganzes Feld gerade abtransportiert! Der größte Teil der Kampftruppen verschwand in den umliegenden Wäldern von Zerbst bis zu ihrer Rückführung, während andere sowjetische Besatzungskräfte in Zusammenarbeit mit den Antifaschisten der KPD und SPD das schwere Werk der Organisation des Aufbaus einer Verwaltung in der verwüsteten Stadt in Angriff nahmen, um aus dem Chaos herauszukommen. Gleichfalls galt es für Hunderte von Offizieren mit ihren nachfolgenden Familien Wohnraum bereitzustellen! Der Kontakt, der anfangs noch im Schlossparkbereich kurzfristig biwakierenden Einheiten war schwierig. Alles war bewacht, und jede Gesprächssituation wurde unterbrochen, obwohl die einfachen Soldaten aus sehr persönlichen Gründen schon gewollt hätten! Auch die ganze Versorgungssituation war noch schlechter als die der deutschen Bevölkerung, kein Vergleich mit den amerikanischen Soldaten. Diese rauchten auch die feinsten Zigaretten und die hatten eine Duftnote, die richtig animierend wirkte, obwohl ich ein Leben lang Nichtraucher geblieben bin. Aber meine Mitschüler hatten schon nach solchem Glimmstängel "gejiepert"!... Das war schon eine erlebnisreiche Zeit voller Gegensätze und Problemsituationen sowie ein Abschnitt aus der "Geschichte des deutschen Scheiterns", die aber noch nicht ihr letztes diesbezügliches Kapitel geschrieben hatte wie wir aus den Ereignissen der Wende 1990 wissen.

Aber die totale Niederlage und militärische Besetzung durch die Siegermächte bedeutete auch die Befreiung von der faschistischen Diktatur. Und diese Perspektive gehört auch zum Urteil über das Jahr 1945, denn Schlimmeres als das Überlebte war nicht denkbar, und dem Schlimmen war ein Ende gesetzt! Allerdings konnten die Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Gewaltsystem, das die Zustimmung großer Teile der deutschen Bevölkerung hatte, nicht als bloßer Unglücksfall abgetan werden, sondern musste in die deutsche und allgemeine Geschichte eingeordnet werden! Die Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945, die über das weitere Schicksal befinden sollte, konnte nicht hinreichend erfolgreich sein. Der Beschluss, Deutschland als wirtschaftliche Einheit zu behandeln und in absehbarer Zukunft auch seine politische Regeneration als Einheit zu ermöglichen, scheiterten an den fundamentalen Unterschieden zwischen sowjetischer und westlicher Reparationspolitik. So blieb die Potsdamer Konferenz schließlich konsequenzenreich im reparationspolitischen Kompromiss und der faktischen Teilung Deutschlands stecken! Diese grundlegende neue politische Situation in Deutschland wurde durch die sowjetische Besatzungsmacht zügigst in gesellschaftsverändernde Politik umgesetzt, wobei sich die Sowjetunion einer deutschlandpolitischen Doppelstrategie bediente. Das wurde begünstigt, dass der Ostteil der Viersektorenstadt (Ostberlin also) die Hauptstadt der sowjetischen Besatzungszone war, von deren Territorium - also die drei Westsektoren - umgeben waren! So trat sie einerseits für die deutsche Einheit ein, um ihre Mitsprache zu sichern, andererseits begann sie in ihrer eigenen Zone sofort mit einer Politik der vollendeten Tatsachen! Die führte in der Entwicklung zu einem tiefgreifenden sozialen Wandel, so dass von der schroffsten Zäsur in der deutschen Sozialgeschichte seit Mitte des 19. Jahrhunderts gesprochen werden kann. Nach 1945 blieb im Osten Deutschlands nur wenig, wie es

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war. Dies sah die Sowjetunion als die einzig wahrhafte Verwirklichung der "Potsdamer Beschlüsse". Die Befehle der SMAD setzten eine planmäßige Revolution von oben in Gang...

Für die neuen Machthabenden in der sowjetischen Besatzungszone, die vorrangig aus den Reihen der Arbeiterklasse kamen, fehlten verständlicherweise Kenntnisse und Erfahrungen bezüglich dieser komplizierten politischen Materie. So gab es viele ideologische Problemsituationen, auch mit den einfachen Menschen, so dass sie sich oft nur der "Holzhammermethode" bedienen konnten! Da erinnere ich mich an eine Szene, in der sich die Indoktrinierung des Bewusstseins so richtig zeigte! Da hatte ein einfacher Maurer einer kinderreichen Familie mit Hilfe seines Betriebes nach Feierabend monatelang im Schweiße seines Angesichts ein kleines Siedlungshaus gebaut und wurde daraufhin von einem sowjetischen Kulturoffizier als ... "du Kapitalist"... bezeichnet! Der "private Besitz" dieses bescheidenen, kleinen, selbsterbauten Hauses machte in den "Augen" des Offiziers den einfachen Maurer zum "Kapitalisten"! Hier zeigte sich das systembedingte soziale Gefälle zwischen dem hoch-industriealisierten kapitalistischen Deutschland einerseits und den sozialpolitischen Verhältnissen im Staate der Arbeiter und Bauern in der Sowjetunion nach 28 Jahren sozialistischer Entwicklung andererseits! In diesen Boden die Saat des Sozialismus einbringen zu wollen mit einer Bevölkerung, die sich eines gehobenen Lebensstandards bewusst gewesen ist, war es von Anfang an schwierig, die Überzeugungsarbeit vom Untergang des Kapitalismus einerseits und der siegreichen Verbreitung des Sozialismus als Weltsystem andererseits überzeugend zu verinnerlichen, denn auch der sowjetisch besetzte Teil Deutschlands wies einen hohen sozialökonomischen Entwicklungsstand, demokratische Traditionen der Arbeiterbewegung sowie einen bestimmten Stand in der politischen Kultur auf, als dass eine willensmäßige Übertragung des sowjetischen Modells einfach hingenommen werden konnte! So ergab es ziemlich durchgängig immer einen nicht geringen Anpassungsdruck seitens des Systems. Viele Verhaltensformen der Bürger wurden oft nur äußerlich angenommen, um sich wenigstens formal mit dem System zu arrangieren!

Wichtig für meine schulische Weiterbildung ist gewesen, dass am 1. Oktober 1945 die Wiederaufnahme des Schulunterrichts in der SBZ erfolgte. Von 40 000 Lehrern gehörten 28 000 der NSDAP an, die nunmehr durch Neulehrer / Volkslehrer ersetzt werden mussten. Ziel der Entnazifizierung war nicht eine Demokratisierung, sondern sie diente der Errichtung einer Diktatur des Proletariats. Der Aufruf der KPD und SPD zur Schulpolitik im November 1945 stellte bereits die Weichen für ein Einheitsschulgesetz, das im Mai 1946 gegen vielseitigen Widerstand von den Landes- und Provinzialregierungen durchgesetzt wurde. Um eine schnelle Wiedereröffnung der sowjetzonalen Universitäten bemühte sich auch die SMAD... So war das Jahr 1945 ein besonders widerspruchsreiches Jahr in der "Geschichte des deutschen Scheiterns". Zwar war die NS-Zeit eine harte Prüfung und große Herausforderung hinsichtlich der Existenz unserer humanistischen Traditionslinie gewesen - immer im schulpolitischen Spannungsfeld zwischen Mündigkeit und Anpassung balancierend - aber was nunmehr in der sowjetischen Besatzungszone aus der "Taufe" gehoben wurde, hatte mit einer zukunftsweisenden demokratischen Entwicklung ganz und gar nichts gemeinsam. Diese

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Ordnung verstand sich als Diktatur des Proletariats, die nach Meinung der neuen Machthaber die höchste Ausdrucksform der Demokratie darstellen sollte und sich wiederum total abhob vom humanistischen Anliegen unserer Traditionslinie.

Diese neue Ordnung gründete sich nicht auf rassische Kriterien wie bei den Nationalsozialisten, sondern diese sogenannte "antifaschistisch-demokratische Ordnung" als Einstiegsphase in die angestrebte sozialistische Gesellschaft sah die geschichtliche Entwicklung in der klassenkämpferischen Auseinandersetzung. Dabei ging es um die Herausbildung eines "sozialistischen Menschenbildes" als zentrale Kategorie des "sozialistischen Humanismus", wie es von der marxistisch-leninistischen Theorie herausgearbeitet wurde. So spielte im Unterricht die Vermittlung des "klassischen Kulturerbes" eine wichtige Rolle als Instrumentarium, die Weltanschauung des Arbeiter- und Bauern-Staates geistig und moralisch als geschichtlich weiterführend und somit auch als überlegen zu werten!

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